Straßenkinder in Kenia

Ich fahre seit ungefähr 25 Jahren mit meiner Frau zusammen regelmäßig nach Kenia.
Es ist ein schönes Land mit wundervollen Menschen, die trotz oft bitterster Armut ihre Hoffnung, Gelassenheit und das Glück des Augenblicks bewahrt haben.

Ein Glück, das nicht abhängig ist von der Größe ihres Fernsehers, der PS- Stärke ihres Autos oder der Höhe des Gehaltes. Es ist das kleine Glück des Alltags, das diesen Menschen ihre Lebensfreude, die Kraft und den unbeugsamen Willen gibt, mit allen Problemen des Lebens fertig zu werden.

Die meisten Menschen in Kenia sind nicht irgendwo angestellt.
Viele sind in ihrer kleinen Landwirtschaft tätig oder arbeiten selbständig.

Winzige Lädchen, ein Stück Sack auf der Straße und schon ist ein kenianischer Laden fertig. Die Verdienste sind natürlich auch minimal. Der Ausdruck „von der Hand in den Mund leben" hat hier noch volle Gültigkeit.

Viele Menschen haben keine Wohnungen. Sie wohnen und arbeiten auf der Straße. Durch die Landflucht, die Hoffnung in der Stadt reich zu werden, verlassen viele, vor allem junge Menschen, ihre kleinen Bauernhöfe und ziehen nach Nairobi in die Hauptstadt oder nach Mombasa, eine Großstadt am Indischen Ozean. Oft wohnen sie bei Verwandten, aber viele haben keine Unterkunft: Sie sind dann Straßenmenschen.

Bis vor kurzem gab es in Mombasa große Probleme mit Straßenkindern. Unter 10-jährige, oft mit der kleinen Schwester oder dem kleinen Bruder an der Hand, ziehen durch die Straßen und betteln. Seit einiger Zeit sind die kleineren Straßenkinder aus dem Straßenbild verschwunden.

Es gibt 2 Projekte in Mombasa: das Wema Center für Mädchen und ein anderes für Jungs. Diese NGO's (non governmental organisations) haben es sich zum Ziel gesetzt, die Kinder unter 12 Jahren von den Straßen zu holen.

Nach einem medizinischen Check werden die Kinder in eine staatliche Grundschule geschickt und erhalten nach dem Schulabschluss eine Berufsausbildung als Schneiderin, Malerin, Schweißerin oder ähnliches.
Kurz vor dem 18. Lebensjahr kümmert sich die Organisation noch um die Beschaffung eines Personalausweises, um sie dann ins Leben zu entlassen. Einen Ausweis zu bekommen ist in Kenia eine große Hürde.
Selbst Kinder die in einer intakten Familie geboren sind, haben oft keine Geburtsurkunde, da die wenigsten Babies in Kliniken zur Welt kommen.

Außer in Problemfällen findet die Geburt zu Hause und meist ohne Hilfe statt.
Daher haben die meisten Leute keine Geburtsurkunde. Die gibt es nämlich nur im Krankenhaus automatisch.

Normalerweise ist die Beschaffung mit einem Weg durch die verschiedenen behördlichen Instanzen verbunden. Angefangen vom Dorfchief zur Bezirks- bis zur Provinzialbehörde. Das ist sowohl mit Ausgaben wie auch mit zahlreichen, langen Wegen und mit Schmiergeldzahlungen verbunden.

Jeder in Kenia weiß, dass die Gehälter sehr oft zu gering - sprich: zuwenig zum Leben sind. Daher ist jedem Kenianer klar, dass er den Beamten für das Dokument extra bezahlen muss. Sollte der Antragsteller dazu nicht in der Lange sein, wird er auf „kesho", das heisst „morgen“ vertröstet. Und zwar solange, bis er endlich eine kleine Geldsumme locker macht Oder er gibt sein Ansinnen, eine Geburtsurkunde zu bekommen, auf. Doch alle Kenianer sind mit diesen Praktiken vertraut und würden gar nicht auf die Idee kommen, ein solches Projekt ohne eine gewisse Summe Geldes in der Tasche zu beginnen. Er weiß genau, dass er letztlich mehr Geld für Fahrgeld ausgibt, als er dem Beamten zustecken muss. Doch da Bargeld in Kenia Mangelware ist, haben viele Leute keine Geburtsurkunde und kommen daher auch nie an einen Personalausweis. Die Kinder aus den Straßenkinderzentren haben dieses Problem zumindest im Moment nicht.

Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Kleinen wieder auf der Straße sammeln. Und die Zentren haben natürlich auch nur eine beschränkte Aufnahmekapazität.
Es gibt immer noch mindestens 100 Jugendliche auf den Straßen von Mombasa. Manche leben sogar noch mit ihrer Familie, doch für die meisten ist die Straße sowohl Wohnung als auch Arbeitsplatz. Sie sind alle zwischen 13 und 18 Jahre alt und blicken auf eine tragische Geschichte zurück.
Mit 2 der Jungen habe ich mich ausführlich unterhalten und sie über ihr Leben befragt.

IDDI ist 17 Jahre alt und arbeitet seit 4 Jahren auf der Straße. Er ist in einem Vorort von Mombasa geboren und hat noch eine 13-jährige Schwester, die er vor 3 Jahren im Werna Center untergebracht hat. Er war auch derjenige, der mich über die Projekte und Möglichkeiten für Straßenkinder informiert hat. Er selbst war leider zu alt um noch irgendwo unter zu kommen, aber natürlich wäre es auch sein Traum, die Schule beenden zu können. Er erzählt, dass er ca. zwei Jahre zur Schule gegangen ist. Er wohnt mit seinem Vater etwas außerhalb von Mombasa in einem selbstgebauten Verschlag auf einem Grundstück, das niemandem gehört. Aber natürlich gehört alles irgendjemandem.

Und es kann durchaus vorkommen, dass er eines Abends nach Hause kommt und sein zu Hause wurde abgerissen. Gebaut ist es aus Abfallmaterialien. Alles, was man irgendwo findet. Doch man findet nicht viel. Alles hat eine Funktion. Alles kann irgendjemand brauchen. Man kann auch nicht wie hier in den nächsten Supermarkt gehen und sich ein paar Kartons holen. Selbst das Verpackungsmaterial wird verkauft. Nichts gibt es gratis.

Natürlich gibt es dort weder Wasser noch Strom. Natürlich auch keine Toilette. Wasser kauft man auf der Straße von fliegenden Händlern, die Wasser auf 2-rädrigen Karren durch die Dörfer ziehen und es Kanisterweise verkaufen. Normalerweise kostet ein Kanister etwa 15 Cent, doch in Zeiten von Wassernot (und das kommt vor allem in Slumgebieten relativ häufig vor) kann sich der Preis auch schon mal verzehn- oder verzwanzigfachen. Damit wird Wasser für den durchschnittlichen Kenianer zu Gold.

Ein Taglöhner bekommt 1 bis 2 Euro pro Tag. Die kann er nicht für 20 l Wasser ausgeben. Und viele verdienen noch weniger.

Iddis Mutter ist vor 5 Jahren gestorben, sein Vater ist alt, krank und schwach, lddi ist also der Familienversorger. Wie sieht nun so ein Tag im Leben des 17-jährigen IDDI aus?
Aufgestanden wird um 5 Uhr früh. Wenn er noch Geld vom Vortag übrig hat, gibt es Frühstück. Meist ist das nur schwarzer Tee. Wenn der Vortag gut war, gibt es dazu trockenes Weißbrot, vielleicht ein Teigtäschchen, das von Frauen auf der Straße verkauft wird oder Maisbrei. Meistens gibt es aber nur den Tee. Dann muss lddi in die Stadt fahren. Er versucht immer, sich das Fahrgeld, etwa 20 Cent, zurückzubehalten, doch oft klappt es nicht.
Dann muss er auf ein Matatu warten, von dem er den Schaffner kennt. Der lässt ihn schon mal ab und an frei fahren. Ein Matatu ist ein Nissan Minibus (üblicherweise 14 Sitze) in den früher bis zu 20 Leute gequetscht wurden. Doch zur Rush - Hour kommt es vor, dass 25 und mehr Leute sich ein solches Auto teilen. Die hängen dann außen dran und klammern sich an allen möglichen und unmöglichen Stellen fest. Die Fahrt dauert etwa 45 Minuten und etwa um 7 Uhr kommt er an seinem Arbeitsplatz an. Diesen teilt er sich mit 2 anderen Jungens. Genommen wird jeder Job, der anfällt: auf geparkte Autos aufpassen, ein Auto waschen, eine Last transportieren, jemanden irgendwohin bringen.
„Wie viel verdienst Du so am Tag?"
„Wenn ich Glück habe 200 Schillinge (2,00 €) - doch meistens viel weniger. Manchmal bekomme ich gar nichts. Dann muss ich auch schon mal Passanten anbetteln, aber das mag ich nicht. „Haben die Leute denn keine Angst, dass Du ihnen Teile des Autos wegklaust oder mit Dieben zusammen arbeitest?" „Nein, die kennen mich. Und wenn was fehlt, wissen sie, wo sie mich finden können. Ich habe ja meinen festen Standplatz. Den möchte ich nicht verlieren. Und ich will mir meinen guten Ruf nicht verderben. Es ist nicht so leicht, einen Platz zu finden. Überall gibts schon einen Platzhirsch. Da muss man sich langsam und sensibel herantasten. Erst mal nur kommen, ein bisschen helfen und wenn du dann mit den Leuten dort befreundet bist, geben sie Dir Arbeit ab. Es gehört natürlich zum Ehrenkodex, dass man sich die Arbeit teilt. Wenn also einer sein Auto bei lddi waschen lässt, helfen ihm seine beiden Freunde. Man muss Wasser kaufen und Omo.
Omo ist das kenianische Universalreinigungsmittel. Es wird für Wäsche, Geschirr, Autos, Körper, Haare und was immer sich waschen lässt, verwendet. Für ein gewaschenes Auto bekommt jeder etwa 50ct.
Wir machen keine linken Geschäfte, das würde unsere Kunden vertreiben und wir würden unseren Arbeitsplatz verlieren. Aber oft kommen neue Jungs von anderswo, besonders von Nairobi (Nairobbery - Nairaub) und bestehlen Leute, sogar Touristen. Wenn wir so etwas herausfinden, verprügeln wir den und bringen ihn zur Polizei.

Ganz kleine Kinder, die auf der Straße auftauchen, bringen wir in die Kinderzentren. Manchmal kommen die zurück. Laufen davon, weil sie lieber auf der Straße leben und klebstoffsüchtig sind. Dann bringen wir sie zurück. Die anständigen Jungs sind also so eine Art Privatpolizei.

lddi weiß, wie hart das Leben auf der Straße ist und arbeitet mit den Sozialprojekten zusammen. Sein Arbeitstag endet um 19 Uhr. Da ist es wieder dunkel. Er fährt nach Hause, kauft Maismehl und vielleicht ein bisschen Gemüse. Meistens Bohnen oder Sukumawiki, (ein Spinatgemüse: „bring die Wochen voran“). Das ist am billigsten.
Auf offenem Feuer wird ein großer Topf Maisbrei gekocht. Eine Küche gibt es natürlich nicht. Man kocht vor dem Haus mit Brennmaterialien, die man findet. Feuerholz ist in den Dörfern rar, kaufen kann man es nicht, nur Holzkohle, aber die ist zu teuer.
Also verwendet man oft Plastikabfälle oder was immer verwendbar ist. Über die Gesundheitsschäden kann man sich keine Sorgen machen, man muss nehmen was da ist.

Gegessen wird gemeinsam am Boden. Da steht ein Berg Maisbrei und ein winziger Behälter mit Gemüse. Jeder nimmt sich einen Brocken Sima, formt ihn in der Hand zurecht, taucht die Spitze ins Gemüse (mehr ein Gewürz, als eine Zuspeise) und isst.
Die meisten Menschen leiden daher an Vitamin- und Mineralstoffmangel. Auch Obst ist zu teuer für die Einheimischen. Daher neigen die Leute zu Mangelkrankheiten, was zur Folge hat, dass sie oft an für uns harmlosen, leicht behandelbaren Krankheiten sterben.

lddis Vater ist alt und krank. „Wie alt ist er?" „Etwa 40." Alt? Tja- die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 42. Also alt. 2/3 der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Alte Leute sind selten, und da es keine staatliche Sozialvorsorge gibt, sind die Kinder für ihre Eltern verantwortlich.

Somit hat der Spruch: „Kinder sind Reichtum" immer noch seine Bedeutung.

Diese Geschichte habe ich zwar schon vor mehreren Jahren gehört und aufgeschrieben, aber nach erneuter Durchsicht vor einigen Tagen muss ich sagen: Vieles hat sich bis heute am Schicksal der Kinder leider nicht verändert.

Wir alle sind gefragt, um als Basis zur Besserung, den Besuch einer Schule bis mindestens zur 8. Klasse sicher zu stellen!

Und dafür baut der „Vipingo e.V.“ die neue Schule in Msumarini, in der bald mehr als 150 Kinder vom 3. bis zum 13. Lebensjahr unterrichtet werden sollen.



Aufgeschrieben 2003 von Wolfgang von Reusner
Durchgesehen auf Aktualität und ergänzt am 4. Mai 2009